Impfbereitschaft in Europa: Wer sind die Ungeimpften? | Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik - MPISOC
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06.10.2021 / Sozialpolitik (MEA)

Impfbereitschaft in Europa: Wer sind die Ungeimpften?

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MEA-Forscher analysierten die Bereitschaft zur Impfung vor dem Hintergrund demografischer, sozioökonomischer und gesundheitlicher Faktoren von Menschen in Europa und Israel.

Eine neue MEA-Studie zeigt, welche Faktoren die Impfbereitschaft in Europa beeinflussen. Um mehr über die Menschen herauszufinden, die sich nicht impfen lassen wollen oder noch unentschlossen sind, nutzten die Forscher Bergmann, Hannemann, Bethmann und Schumacher Daten aus der zweiten SHARE Corona Befragung. SHARE, der Survey on Health, Ageing and Retirement in Europe, hat vor kurzem Daten über die Impfbereitschaft und eine Reihe von Einflussfaktoren bei etwa 47 000 Personen in der Risikogruppe 50+ in 27 europäischen Ländern und Israel erhoben.

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Länderunterschiede in der Einstellung zur Impfung

Rund 18 % der Befragten in allen 28 Ländern gaben bis zum Erhebungszeitraum im Sommer 2021 an, nicht geimpft worden zu sein. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern: Wie in der Grafik dargestellt, lagen Malta, Dänemark und Spanien mit einem Anteil von über 95 % an geimpften Befragten über 50 Jahren an der Spitze, während Rumänien und Bulgarien nur etwa 28 % bzw. 21 % aufwiesen. Von den nicht geimpften SHARE-Befragten aus allen Ländern gaben 33 % an, noch unentschlossen zu sein, während 45 % erklärten, dass sie sich nicht impfen lassen wollen. In Rumänien und Bulgarien, den Ländern mit den niedrigsten Gesamtimpfungsraten, waren etwa 40 % der Befragten unentschlossen, und 54 % (Rumänien) bzw. 45 % (Bulgarien) gaben an, sich überhaupt nicht impfen lassen zu wollen. Selbst wenn eine beträchtliche Zahl der Unentschlossenen dazu bewegt werden könnte, sich impfen zu lassen, würde es aufgrund der hohen Zahl der Impfverweigerer sehr schwierig sein, in diesen beiden Ländern die Herdenimmunität durch Impfung zu erreichen. Das Gleiche gilt für andere Länder in denen der Anteil der Impfverweigerer bezogen auf alle Ungeimpften 50+ in einem Land recht hoch ist, wie etwa auch in Lettland (46 %) oder Litauen (43 %).

Wer sind die Menschen, die noch nicht geimpft sind?

In einem nächsten Schritt untersuchten die Forscher die demografische, sozioökonomische und gesundheitliche Situation der Befragten, die angaben, noch unentschlossen zu sein oder die Impfung ablehnten.

Je schlechter die wirtschaftliche Situation, desto eher wird die Impfung abgelehnt

Dabei fanden die Forscher heraus, dass die wirtschaftliche Situation einen sichtbaren Einfluss hat: Personen im unteren Viertel der Einkommensverteilung wollten sich häufiger nicht impfen lassen oder waren unentschlossen, während für die höheren Einkommensviertel das Gegenteil zutraf. Dieses Ergebnis wird durch die subjektive Einschätzung der Menschen gestützt: Diese wurden gefragt, wie schwer es für sie ist, "über die Runden zu kommen". Nahezu 30 % der Personen, die angaben, nur "mit großen Schwierigkeiten" über die Runden zu kommen, waren unentschlossen oder lehnten die Impfung ab, während es bei denjenigen, die angaben, "leicht" über die Runden zu kommen, nur 7,8 % waren. Dieses klare Muster blieb auch bei der Betrachtung der Länderunterschiede bestehen. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass der Berufsstatus einen Einfluss auf die Impfbereitschaft zeigte. Der größte Unterschied wurde zwischen den arbeitslosen Befragten, von denen 28,5 % eine Impfung ablehnten oder noch unentschlossen waren, und Befragten im Ruhestand, von denen lediglich 11,5 % einer Impfung gegenüber ablehnend oder unentschlossen waren, deutlich. Eine Erklärung kann hierbei allerdings der Alterseffekt sein, da Rentnerinnen und Rentner im Durchschnitt älter sind.

Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen sind weniger skeptisch

Während der Anteil der Unentschlossenen und Impfverweigerer in der Gruppe der Personen mit niedrigerer Schulbildung bei 14,7 % liegt, beträgt er in der Gruppe der Personen mit mittlerer Schulbildung 16,1 %, in der Gruppe der Personen mit höherer Schulbildung jedoch nur 9,2 %. Dies zeigt, dass die Unterschiede am deutlichsten sind, wenn man den höchsten Bildungsgrad mit den beiden anderen Gruppen vergleicht. Personen mit mittlerem Ausbildungsniveau stehen der Impfung am skeptischsten gegenüber. Dieser Befund war in Bulgarien, Rumänien und der Slowakei am stärksten ausgeprägt.

Der Einfluss von Geschlecht und Alter

Auch das Alter spielt eine Rolle: Personen zwischen 50 und 65 Jahren lehnen den Impfstoff eher ab als ältere Befragte, dies gilt für fast alle Länder. Auch das Geschlecht hat in den meisten Ländern einen Einfluss: Frauen sind eher zögerlich als Männer. Im Durchschnitt sind 14,5 % der Frauen unentschlossen oder lehnen die Impfung ab, während es bei den Männern nur 12,8 % sind. Aber das gilt nicht für alle Länder: In Ungarn, Portugal und der Schweiz beispielsweise gibt es wohl mehr Männer, die noch unentschlossen sind oder sich nicht impfen lassen wollen.

Je gesünder die Menschen sind, desto eher lehnen sie ab oder sind unentschlossen 

Was den Gesundheitszustand betrifft, so war die Wahrscheinlichkeit, dass Befragte ohne diagnostizierte körperliche Krankheit unentschlossen waren oder sich nicht impfen lassen wollen mit 16,9 % höher, als bei Befragten mit mindestens einer diagnostizierten Krankheit (12,4 %). Dieser Unterschied war am stärksten in Ungarn, Litauen, Luxemburg und der Schweiz zu beobachten.

Personen, die jemanden kennen, der schwer an dem Virus erkrankte, sind eher bereit, sich impfen zu lassen

Die Forscher fanden zudem einen Unterschied zwischen den Personen, die angaben, niemanden zu kennen, der an COVID-19 erkrankt ist, und denen, die jemanden kennen. Von denjenigen, die keine Betroffenen kennen, gaben 14,7 % an, unentschlossen oder nicht bereit zu sein, sich impfen zu lassen. Die Zahl derjenigen, die jemanden kennen, der leicht erkrankt war (keine Symptome oder positiver Test), sinkt leicht auf 13,7 % und erreicht einen viel niedrigeren Wert von 10,3 % bei den Personen, die jemanden kennen, der schwer an COVID-19 erkrankt ist (z.B. Krankenhausaufenthalt oder sogar Tod in unmittelbarer Nähe). 

SHARE hat keine Daten zu politischen Auffassungen erhoben und kann daher keine Aussagen zum Zusammenhang zwischen ihnen und der Impfbereitschaft machen. Entsprechende Presseberichte beruhen auf Fehlinterpretationen.

Zusammenfassend: Es ist ein West-Ost-Gradient vorhanden: In den meisten osteuropäischen und baltischen Staaten ist die Impfunsicherheit und -verweigerung höher ausgeprägt, als in den anderen Regionen im Westen, Süden und Norden Europas. Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass Menschen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und geringerem Einkommen, sowie Menschen mit niedrigerem Ausbildungsniveau sich weniger häufig impfen lassen. Schließlich spielten auch die körperliche Gesundheit und die direkte Betroffenheit von COVID-19 im unmittelbaren persönlichen Umfeld eine wichtige Rolle.

Zur Studie: Bergmann, Michael; Hannemann, Tessa-Virginia; Bethmann, Arne; Schumacher, Alexander: "Determinants of SARS-CoV-2 vaccinations in the 50+ population". MEA Discussion Paper  07-2021. 

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Pressekontakt und -anfragen:
Verena Coscia
coscia (at) mea.mpisoc.mpg.de

 

Über SHARE und die SHARE Corona Befragung  

SHARE, der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, ist eine Europäische Forschungsinfrastruktur, die das Leben europäischer Bürgerinnen und Bürgern aus gesundheitlicher, sozialer, wirtschaftlicher und umweltbezogener Perspektive untersucht. Sie bezieht dabei den gesamten Lebensverlauf der Befragten ein und möchte vor allem herausfinden, inwieweit sozial-, wirtschafts- und gesundheitspolitische Maßnahmen das Leben der Menschen geprägt haben. Von 2004 bis heute wurden in 480.000 Interviews rund 140.000 Menschen im Alter von 50 Jahren oder älter aus 28 europäischen Ländern und Israel befragt. Somit ist SHARE die größte europäische sozialwissenschaftliche Panelstudie und stellt darüber hinaus international vergleichbare Mikrodaten bereit. Die Forschung mit SHARE Daten ermöglicht es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie politischen Entscheidungsträgern tiefe Einblicke in das öffentliche Gesundheitswesen und die sozioökonomischen Lebensumstände der europäischen Bürgerinnen und Bürger zu erhalten. SHARE entfaltet seine globale Wirkung nicht nur durch die strikte Harmonisierung über alle EU-Staaten hinweg, sondern auch durch die Einbettung in ein Netzwerk von Schwesterstudien auf der ganzen Welt, von Amerika bis Asien.

SHARE hatte bereits Informationen über den gesamten Lebenszyklus der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer erhoben und folgt zudem einem multidisziplinären Ansatz, in dem Informationen über die gesundheitliche Situation mit sozioökonomischen Daten verbunden werden. Somit bringt SHARE die optimalen Voraussetzungen für die Erforschung der unbeabsichtigten gesundheitlichen und sozioökonomischen Folgen von Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie (z.B. „Lockdown“-Maßnahmen) und die damit verbundenen Langzeitfolgen mit und bietet einen enormen Mehrwert für Forschung und Politik. Die Europäische Kommission fördert das neue Forschungsprojekt „SHARE-COVID19“ durch Horizont 2020 und die Coronavirus Global Response.

Die SHARE Corona-Umfrage ist eine Sonderbefragung, die als Reaktion auf die COVID-19-Krise konzipiert wurde. Anfang Juni 2020 startete SHARE die Feldarbeit mit einer Unterstichprobe der SHARE-Panel-Teilnehmer in 27 europäischen Ländern und Israel. SHARE nutzte dazu computergestützte Telefoninterviews (CATI), um Daten zu erheben, die auf die COVID-19-Lebenssituation von Menschen im Alter von 50 Jahren und älter ausgerichtet sind. Die Befragung deckt die wichtigsten Lebensbereiche ab und stellt spezifische Fragen zu Infektionen und Veränderungen im Leben während des Lockdowns, u.a. zu: Gesundheit und Gesundheitsverhalten, Psychische Gesundheit, Infektionen und Gesundheitspflege, Veränderungen der Arbeits- und Wirtschaftssituation und Soziale Netzwerke. In der zweiten Runde der SHARE Corona Befragung, die von Juni bis Anfang August 2021 durchgeführt wurde, wurden die Befragten der ersten Erhebung erneut interviewt, um die (intraindividuellen) Veränderungen zwischen dem Beginn der Pandemie und der Situation ein Jahr später in einer länderübergreifenden Perspektive zu untersuchen. Die mit dieser Erhebung gesammelten Daten ermöglichen es zu untersuchen, wie die Risikogruppe der älteren Menschen mit den gesundheitlichen und sozioökonomischen Auswirkungen von COVID-19 zurechtkommt.